Presse

Ab auf die Matte

DIE REPORTAGE: Der Volkssport Yoga im Selbstversuch

Neue Westfälische – Lokalteil Bielefeld NR. 48, 25./26. Februar 2012
Artikel von Carolin Cegelski, Fotos: Andreas Frücht
Bielefeld. Madonna, Julia Roberts, Barbara Becker und Millionen Deutsche schwören auf die Wirkung von Yoga. Am 26. Februar ist Welt-Yoga-Tag. Ein Grund, mal zu schauen, was dran ist an der Trend-Sportart.

für CC
Dehnung für Körper, Geist und Seele: Diese Übung hat es in sich, NW-Mitarbeiterin Carolin Cegelski schaut etwas gequält, ihre Mitstreiter sind da etwas entspannter.

Premiere auf der Yogamatte: Ich entscheide mich für die beliebteste Variante, Hatha-Yoga. Ha heißt Sonne, tha heißt Mond. Diese Yoga-Formharmonisiert die beiden Grundenergien im Körper, die aktivierend wärmende und die aufbauend kühlende Energie. Aha. Klingt kompliziert, ist aber sicher genau das richtige nach einem langen Arbeitstag.Die Yoga-Stunde beginnt schon morgens vorm Kleiderschrank. Bequem soll es sein, hat Yoga-Lehrer Michael Lehmann vorher zu mir gesagt. Also packe ich die dehnbarste Jogginghose in meine Sporttasche, die ich finden kann. Im Schlafanzug kann ich ja schlecht in den Kurs gehen. Eine Yogamatte besitze ich immerhin schon. Die habe ich vor Jahren im Supermarkt gekauft in einem Anflug sportlicher Motivation. Seitdem fristet sie aber ein einsames Dasein unterm Bett.
Abends gehe ich zum Yoga-Kurs, will mit der indischen Heilgymnastik den Tag hinter mir lassen. Sanfte Entspannungsmusik dringt in meine Ohren, als ich die Turnhalle betrete. Kerzen sind aufgestellt. Meine zwölf Mitstreiter wirken schon jetzt entspannt. Ich bin es noch nicht, male mir in Gedanken die wildesten Verrenkungen aus. Und sehe mich bereits mit Verletzungen im Krankenhausliegen. Das Licht geht aus, wir beginnen mit einer Atemübung. Pranayama, nennt Michael Lehmann die. Während ich gleichmäßig tief in den Bauch atme, stellt sich bei mir ein dämmriger Zustand ein. Ich werde müde. Die Ruhe wird von den mantrisch wiederholten Anweisungen des Yoga-Lehrers durchbrochen. Und dem ohrenbetüubenden Gluckern meines Magens. Hoffentlich fühlt sich niemandin seiner Meditation gestört.
Das Licht geht an. Wir üben die Wechselatmung. Einatmen, Luft anhalten, Ausatmen. Mit den Fingern die Nasenflügel verschließen. Das erhöht die Sauerstoffzufuhr im Körper, erklärt Lehmann.
Yoga
PadaHastasana: Die stehende Vorwärtsbeuge für Flexibilität und einen wachen Geist. Carolin Cegelski macht’s vor
Kann sein. Kurz bevor ich ohnmächtig werde, unterbreche ich die Übung aber lieber und schnappe nach Luft. „Kein Problem“, sagt der Yoga-Lehrer. Jeder macht die Übungen in seinem eigenen Rhythmus.“ Ich bin beruhigt.Als nächstes der Sonnengruß, eine Abfolge von zwölf Yogahaltungen, den sogenannten Asanas. Die einzelnen Positionen werden mit dem Atemrhythmus geübt. „Der Sonnengruß belebt Körper, Geist und Seele“, sagt Lehmann. „Das Herz-Kreislaufsystem wird aktiviert.“ Wir proben zwei Durchgänge. Es klappt. Dann wird es schneller, ich komme nicht mehr mit. Erste Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Mein Herz-Kreislaufsystem ist ganz sicher aktiviert.
Danach der Schulterstand Sarvangasana. Als ich sehe, wie der Yoga-Lehrer die Übung vormacht, bekomme ich Angst. Wie soll ich meine Beine kerzengerade in die Luft strecken, meinen Rücken abstützen und mir dabei nicht das Genick brechen? Was soll’s. Ich probiere es aus.
Ich entdecke an diesem Abend Muskeln, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe. Selbst das unschöne Doppelkinn, das sich bei dieser Übung auf meine Brust drückt, stört mich jetzt nicht. Ich bin begeistert und wage mich sogar an die „Pflug“-Übung, bei der die gestreckten Beine hinter dem Kopf auf dem Boden abgelegt werden. So einfach, wie sich die Übung anhört, ist sie aber nicht. Ich komme an die Grenze meiner Dehnbarkeit, breche den „Pflug“ ab und schiele zu meinen Yoga-Nachbarn rüber. Die sehen völlig gelassen aus, verharren in der Position, als hätten sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht. Die haben aber auch einen Trainingsvorsprung. So rück ich’s mir zurecht.
Mit jeder neuen Übung klappt’s besser. Ich habe das Gefühl, meinen Körperwie ein Kaugummi in alle Richtungen dehnen zu können. Ich bin enttäuscht, als die Yoga-Stunde sich zum Ende neigt. Es geht in die letzte Runde: „Shavasana“, Tiefenentspannung.
Danach fühle ich mich gelassen und leicht, bin entspannt wie nach einer Massage. Nicht mal die Angst vor dem Muskelkater bereitetmir jetzt Kopfzerbrechen. Ein wenig Übung brauche ich noch, aber am Ende der Trainingsstunde weiß ich, warum die indische Heilgymnastik so beliebt ist: Yoga wirkt.